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Unwetter und eine defekte Kamera: Sieben Tage Wüste

Marokko. Wüste Wandern

Die Wüste lebt, und wie. In Marokkos Süden

von U.Werner Winterberger

Es wäre falsch zu sagen, das Wetter hätte unsere Tour auf den Kopf gestellt, aber den Kopf verdreht schon! Wer hat denn schon zwei Gewitter in einer Wüstennacht erlebt und am nächsten Abend einen Sandsturm? Unsere Tour war schlicht einmalig.

Schon bei der Ankunft fielen uns die zahlreichen Tümpel und Wasserlöcher auf, denen wir ausweichen mussten. Doch kaum zu glauben; soeben hatten wir das Camp nördlich des Jebel Bani bezogen, bläst ein hässlicher Sandsturm finstere Wolken über uns, die sich bald ausgiebig entleerten, begleitet von Blitz und Donner. Und wir im Zelt. Brahim hatte klugerweise mit seinen Männern das Zelt so aufgeschlagen, dass wir auf der windabgekehrten Seite geschützt vor dem Wetterunbill abendessen und schlafen konnten.


Ali unser Koch, nein natürlich ist es Brahim, der Führer, der servierte, kaum hatten wir unser Gepäck abgestellt, den begehrten Thé Berbère aus verschiedenen Kräutern, Minze. Er ist (für die Einheimischen) stets gut gesüsst und schmeckt beim dritten Ausschank schön bitter und löscht den Durst nachhaltig. Ich habe immer den Eindruck, dank des Berbertees komme ich mit wenig trinken aus.

Inzwischen haben die „Kameltreiber“ Hussein, Said und Ysso (Yussef) das Nachtlager organisiert. Die Mannschaft ist eingespielt, jeder weiss, was er zu tun hat. Said dient dem Koch Ali zu mit Küchengeräten, Wasser, Gemüse, Rüsten usw. Gleichzeitig stellen Hussein und Ysso das WC-Zelt auf, füttern die Kamele und lassen sie anschliessend mit zusammengebundenen Vorderbeinen laufen auf der Suche nach begehrten Kräutern. Erst nach dem Einnachten kommen die Kamele – die eindeutig Dromedare sind – von selbst zurück ins Camp und legen sich hin.


Ali serviert täglich einen Dreigänger aus Suppe, Couscous, Tagine u.ä. sowie einer Nachspeise. Heute hat er uns eine köstliche Tagine zubereitet, ein Gemüseeintopf mit Kartoffeln, Tomaten, Auberginen, Zucchetti und heute speziell mit getrockneten Bohnen. Dazu serviert er Fladenbrot.


Das Essen variiert jeden Tag und am Schluss der Woche staunen wir noch mehr: wie ist es möglich, dass bei diesen Temperaturen Gemüse und Früchte immer noch frisch sind? Die Honigmelone zur Nachspeise am letzten Abend scheint, als hätte er sie erst gerade gekauft. Auch das Brot ist stets schmackhaft. Alis Trick lautet toasten oder frisch backen in der Bratpfanne. Der Gutenacht-Tee ist auf Wunsch der europäischen Gäste stets ein Verveine, ohne Zucker. Wie schade, meine ich, schmeckt doch der süss-bittere Berbertee und die Teezeremonie ist so gemütlich.

Kannst du dir eine zeitlose Woche ohne Uhr vorstellen? Ohne Mobile geht ja vielleicht noch in der Phantasie, aber Wandern ohne zu wissen, wie lange wir unterwegs sind und sein werden. Das Experiment gelingt ganz undogmatisch.

Wandern in der Wüste Marokkos


Das reichhaltige Frühstück mit Berbertee mit Grüntee geniessen wir bei angenehmer Frische unter freiem Himmel. Dabei balgen wir uns um die Zitronen- und Feigenkonfi. Gesättigt und bald startbereit versuchen wir fünf Meter Tuch um den Kopf zu wickeln. Der Chèche (auch Schesch gesprochen) wird kunstvoll um den Kopf gebunden und nicht gewickelt, das ist das Geheimnis. Dennoch. Es ist leichter gesagt, immer hängt es irgendwo durch, rutscht oder das Gegenüber lacht sich krumm: nein, so kannst du selbst in der Wüste nicht «auf die Gasse»! Also. Wieder von vorne beginnen.

Wir sind mit uns beschäftigt, das Berberteam packt derweil gut organisiert alles in die Strohtaschen. Die Vorbereitung scheint das A und O zu sein. Said z.B. ist für die Küche zuständig, die ist aber noch in Betrieb. Lebensmittel, Wasser kann er schon packen, Zelt und Geschirr und die vielen Matten kommen später. Hussein sattelt alle Kamele mit dem Ladesattel. Dieser ist aus Eisen mit einem Kreuz obenaus, wo man sich halten und Ware anbinden kann. Damit dieser nicht das Kamel wund reibt ist er mit Wolldecken eingewickelt und eingenäht. Jedes trainierte Dromedar kann bis 120 kg Last tragen. Und manchmal sitzt jemand von uns noch auf, so sind es gut 200 Kilo.


Bis wir bereit sind mit Tagesrucksack, Wasser und dem farbigen Chèche, knien die Kamele ladebereit. Das Schoggibraune jammert doch jeden Morgen herzzerreissend schon beim Anblick der bereiten Last. Die Säcke und Taschen füllen sich, einzig das WC-Zelt steht noch. Die Männer hieven die schweren Seitentaschen auf die Kamele und binden die Matten und Stangen obenauf.

Wie spät es ist, ist unwichtig. Im entscheidenden Moment ruft unser «Wüstenfuchs» Brahim yallah, was so viel wie los geht’s bedeutet. Die Luft ist noch frisch, die Sonne heizt schon recht ein, in der Morgenfrische geht es bekanntlich leichter. Das Terrain und die Landschaft ändert sich laufend. Heute ist es steinig, schwarze kantige Steinbrocken haben sich aus den dunklen Sedimentwänden abgespalten in den letzten Jahrhunderten. Wir wandern über einen Pass in einen Canyon und in eine grosse Weite mit erstaunlich vielen kleineren Akazien und Tamarisken.


Am nächsten Tag gehen wir einem Wadi entlang, das Wasser führt, überqueren ein wildes Ruculafeld und queren anschliessend in Richtung Dünen über eine trockene Ebene, die manchmal ein See sein könnte oder ist. Mittags setzen wir uns in den Schatten einer grossen Tamariske. Mannschaft und Kamele sind schon hier, abgeladen äsen sie. Ali hat sich mit dem Gepäck einen Mauer als Windschutz gebaut. Mit Said schneiden sie Gemüse zum typischen, marokkanischen Salat.

Am ersten Mittag glauben wir noch, dass der Salat der Hauptgang sei. Spätestens am dritten Tag ist klar. Auch in dieser Mittagshitze wird einen Dreigänger aufgetischt auf die Decke am Boden, selbst wenn ein Sandsturm bläst. Brahim serviert Tee, und wir liegen wie Fliegen faul auf den Matten bis das Essen kommt. Heute folgt der Couscous dem Salat, gefolgt von Orangen à la Cannelle, Orangenscheiben mit Zimt und Rosenwasser gewürzt.

Wir lesen und schlafen bis uns der Schatten im Stich lässt und die Mittagshitze abgeklungen ist. Haben alle Wasser? Yallah.


Wir queren zwischen den Dünen und überqueren sie, während die Dromedar-Mannschaft und die Reitenden Umwege zwischen den Dünen gehen müssen. Der Iriqui-See (lac Iriki) im gleichnamigen Nationalpark ist heute nicht ausgetrocknet wie sonst. Aber. Mit einem See verbinden wir eher die Weite und die eingetrocknete, aufbordende Lehm- und Salzflächen als die wenigen Tümpel. Auffällig sind die vielen Gazellenspuren in dieser Gegend, wo es frisches, grünes Futter gibt.


Und nochmals gehen wir vielleicht zwei Stunden bis zu unserem nächsten Nachtlager am Fuss einer Düne. Beim Erklimmen grüsst Sisyphus: einen Schritt vor, zweidrittel zurück. Doch der Über- und Ausblick über unseren Lagerplatz, die Dünenwelt und zurück in die Berge wiegt die Anstrengung auf. Wenn sich diese Abendstimmung, die Wolkenbilder und der Sonnenuntergang nur einfangen liessen.

Doch diese Bilder bleiben in Erinnerung: unvergesslich.






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