Rund um die/der Bernina: Bernina-Trekking

Mehrtages-Wanderung Bernina-Trekking

Mehrtages-Wanderung Graubünden – Italien: Bernina umrunden

Grenzüberschreitend wandern ohne Gletscherüberquerung und ohne technische Schwierigkeit

 

von U.Werner Winterberger
Seit Jahren habe ich keinen Schwalbenschwanz-Schmetterling gesehen, auf dieser Wanderung gleich zwei. Ist es Zufall oder leben sie hier noch/wieder? Der erste Schwalbenschwanz flatterte beim Abstieg zur Alp Grüm an uns vorbei, der Zweite im Fextal.

Eines Sommermorgens im Juli bin ich los mit der Bahn bis auf den Berninapass, eine Wasserscheide und Sprachgrenze Graubündens. Hier traf ich zwei Freunde, die ich zum Mitwandern eingeladen habe. Was ich wusste und plante, waren die ersten drei Tage bis ins Val Malenco in Italien. Auf dem Weg wollte ich nach Lust und Laune die Route festlegen, eine gute Idee.


Tag 1 – Berninapass nach Poschiavo

Vor dem Start genossen wir noch einen Cappuccino und eine Brioche im Ospizio. Und dann: Los um den See. Die Stimmung ist eindrücklich, in der RhB werden die Reisenden auf den faszinierenden Gletscher des Pizzo Gambarena hingewiesen, die nächsten sind, finden wir, noch eindrücklicher.

Am südlichen See-Ende steigen wir hoch zum Aussichtspunkt mit Restaurant Sassal Mason, was uns gleich nach Apulien versetzt: Zwei Steintrulli, runde Steinhäuser, habe ich in der Schweiz nie gesehen. Hier werden sie als Käse- und Weinlager benutzt. Der Blick auf den Palügletscher ist trotz seines Schwundes eindrücklich wie auch der Abstieg auf schmalem Pfad zur Alp Grüm: Orchideen, Fingerhut, Arnika und eben der Schwalbenschwanz erfreuen uns. In Cavaglia warten wir auf den Zug und trinken bei Rosita aus Santa Domingo noch eine Kleinigkeit.

Schlechtwetter-Alternative: Ausflug nach Tirano!


Tag 2 – Poschiavo – Rifugio Zoia, Campo Moro, Italien

Wir wandern talauswärts an der herrschaftlichen Villa und Garten der Repower AG vorbei. Das Energieunternehmen ist grösster Arbeitgeber des Tals mit entsprechendem Einfluss. Wir nehmen den alten Weg entlang alter Trockenmauern zur Alp Selva. Zum Glück sind die ersten 2-3 Stunden im Wald, was italienisch eben Selva heisst. Es lohnt sich, den steilen Aufstieg zum niedrigsten der drei Übergange langsam anzugehen. Es ist heute der längste Anstieg der Umrundung mit 1760m (!) bis zum Pass Cancian und Passo Campagneda. Mit Pausen werden es gerne fünf Stunden. Wir sind stolz, dass wir immer noch fit sind.

Der Aufstieg führt über Flachmoore, durch verschiedene Vegetationsstufen, an Maiensässen und Alpen vorbei. Von weit grüsst der markante Felsturm Turiglion de Cancian. Auf der Ebene zwischen den beiden Pässen überwältigt uns ein gelber Teppich reifen Wundklees. Den Gletscherbach vom Pizzo Scalino müssen wir barfuss durchwaten, zu weit wäre der Sprung.

Auf dem Passo Campagneda öffnet sich der Ausblick ins Val Malenco und vor allem auf die Südflanke der Bernina – von Piz Roseg bis Palü – mit ihren Gletschern. Wir nehmen nicht den Weg ins Val Poschiavina, sondern wählen den Abstieg zur Alp Campagneda der Geologie, der vielen Seen, mäandrierender Bäche und der Kletterwände wegen.

Kurz vor der Hütte windet sich der Weg entlang von steilen Felswänden mit Routen bis 7c. Das muss überwältigend sein, dies klettern zu können. Das Rifugio Zoia ist seit letzter Einkehr umgebaut und nicht mehr im Besitz des CAI Milano. Emmanuele ist ein aufmerksamer und freundlicher Gastwirt.


Tag 3 – Campo Moro – Chiareggio

Uns zieht es weiter über die Staumauer, den Felsen entlang, durch Föhrenwald zur Alpe Compascio, ein traumhaftes Plätzchen zum Verweilen, wo schon lange nicht mehr gealpt wird. Moorteppiche, sich windende Wässerchen, der Alpenpieper, der uns weglocken will von seinem Nest und lauschige Bauminseln mit Graspolstern laden ein, sich hinflaxen.

Doch nix! Zuerst schnabbulieren wir noch Walderdbeeren à discretion im Aufstieg. Ännet der Bocchel del Torno wird es Pause geben bei Cappuccio und Kuchen. Und so ist es. Ein Abstieg durch lichten Wald, mit Blick auf den Lago Palu vergnügen sich Familien mit Kindern nahe des gleichnamigen Rifugio. Das gut geführte Bergrestaurant hat für jeden das, was er sich grad wünscht.

17 Rifugi gibt es hier im Val Malenco. Man müsste nicht absteigen nach Chiareggio, man könnte aufsteigen unter die Felsen des Piz Tremoggia zum Rifugio Longini, 2430m, und später absteigen. Doch wir wollen ins Tal für den nächsten Aufstieg morgen. Der Pfad, gut markiert, führt abwärts über bewohnte Maiensäss, viele Bäche und z.T. durch einen sehr trockenen Föhrenwald. Die paar letzten Kilometer wandern wir auf der Asphaltstrasse und schon öffnet sich Chiareggio vor uns. Im Juli etwas verschlafen, eine Zimmerreservation ist nicht nötig. Drei Hotels, 2 Läden und eine Bar bedienen die Ausflügler und Wanderer. In Carlas Negozio kaufen wir Käse, Wurst und Brot fürs Picknick, man findet von allem etwas: Un pö dü tütt, ist Name und Programm.


Tag 4 – Chiareggio – Fornohütte

Klare Nacht, frischer Morgen und fantastische Sicht auf die Disgrazia, die ich gerne im Winter einmal bestiegen hätte. Im Dorf machen sich zur gleichen Zeit zahlreiche Wanderer bereit, schweizerdeutsch höre ich alleweil. Heute gehe ich alleine weiter. Meine beiden Begleiter gehen wie die Anderen über den Murettopass nach Maloja. Mussolini hat den Weg ausgebaut zur Militärstrasse. Wollte er in die Schweiz einmarschieren, wie er dies im Valle Maira, Piemont, mit Frankreich gemacht hat?

Ich steige hingegen westwärts hoch. Ich bin allein, niemand macht denselben Weg. Ich geniesse es. Ich will die Umrundung verlängern und auch alleine sein, wie wohl ich es zu dritt genossen habe. Mein Weg führt zum Sella del Forno (CH), Passo Forno (i), steil hinauf über Alpenrosenteppiche an einer Alp mit paar Eseln vorbei. Der Weg ist gut markiert mit rot-weiss und bald mit weiss-blau-weiss.

200 Höhenmeter beidseits des Passes ist grobes Blockgeröll, das mag ich nicht. Markante Zacken hier und dort. Über der Grenze, kaum bin ich einige Meter abgestiegen guckt mich etwas verloren ein Steinböckli an. Was macht es so alleine? Weiss es nicht, dass es sich anschliessen sollte. Es stapft gemächlich davon als suchte es als vielleicht Zweijähriger sein Futter. Es wirkt ungelenk und verloren. Der Abstieg in einen weiten Kessel ist bis zur Fornohütte unwirtlich, geröllig, wie so Berge sein sollen und wollen. Die Fornohütte ist nah, vielleicht nur 30 Minuten vom Pass. Das Gletschertal bietet Weite und Aussicht. Steinbrocken lösen sich auf der gegenüberliegenden Seite aus der Moräne, donnern zu Tal und machen aufmerksam, wie hoch das Eis vor 100 Jahren das Tal füllte.


Tag 5 – Fornohütte (SAC) – Fextal

Die Kletterer steigen frühmorgens auf, ein Bergführer mit Klientinnen steig auf den Gletscher ab, ich ebenfalls. Es ist schon der dritte Hüttenzugang der gebaut werden musste in diesem felsig-moränigem Geröllhang. Der steile Abstieg mit vielen engen Serpentinen ist sicher die schwierigste Passage der Umrundung. Mit Turnschuhen liegt man hier falsch, der Weg ist jedoch sicher angelegt.

Ich juchze bei den ersten Lärchen im weiten Tal unten. Wieder der Alpenpieper ruft flatternd eine Runde um mich. Der Bach tost mit ganzer Kraft talwärts bis zum Wehr auf der Plan Canin. Hier verschwindet er still und leise 17 km durch den Berg ins Bergell, wo das EWZ Strom für Zürich turbiniert. Unterhalb des Wehrs ist kein Restwasser, trocken und öd. Bei starkem Regen und Geschiebe wird der Bach geflutet, heute aber ist er ein trauriger Anblick nach dem kräftigen Tosen vorher. Ich lasse mir vom Amt für Wasser erklären, dass das EWZ einen Deal gemacht habe mit dem Restwasser: Hier weniger, anderorts mehr. Naja.

Auf der ersten Alp am Lägh da Cavloc kaufe ich frischen Mascarplin und Geisskäse in Rollen. Ich nehme den Weg um den malerischen See, damit ich nicht auf der Fahrstrasse absteigen muss. Vor Maloja, bei Salecina, wo sich ein Halt anbietet und Übernachtung möglich ist, steige ich wieder hoch. So schnell wie möglich möchte ich wieder in die Einsamkeit, weg von Touristen in hautengen und durchschimmernden Pants, hoch zum l’Äla und weiter Richtung Val Fedoz. Auf der ersten Anhöhe blenden mich einzelne, schneeweise Felsbrocken. Ich steige ab auf angenehmen Weg in lichtem Föhrenwald mit vielen Alpenrosen und Rinnsalen, wo gut genährte Kühe weiden.

Leider verpasse ich die nicht-markierten Wegspuren auf 2020m Höhe. So muss ich mit einem Abstieg und Aufstieg auf der Fahrstrasse “büssen”. Die Alp Ca d’Starnam bietet keine Erfrischung, die ich bräuchte. Schade, ich ziehe weiter ins Fextal. Es ist nur eine Stunde eben aus. Edle Pferde stehen mir im Weg und nicht mal der Klatsch auf den Hintern hilft. Über Weiden, wilde Wiesen und Moore komme ich dem Ziel näher: Fex Crasta liegt unter mir. Ob es in den Sommerferien überhaupt ein freies Zimmer gibt für den müden Wanderer, der schon 7 Stunden unterwegs ist, schiesst es mir durch den Kopf.

Das dritte Haus in Crasta hat Tische und Stühle vor dem Haus und Wanderer beim Bier. Da kehre ich ein und bestelle einen Eiskaffee. Die freundliche Kellnerin aus Chiavenna bringt mir einen wunderbaren Café Afogato. Ich habe Lust, hier zu bleiben. Die kleine Pension Crasta wirkt einladend und versetzt mich in eine frühere Zeit. Nichts ist aufgesetzt, alles liebevoll und stimmig, fast etwas museal eingerichtet.


Tag 6 – Fextal – Capanna Coaz (SAC)

Ich geniesse es schon, wieder alleine loszugehen. Die erste Stunde hinauf zu Furtschellas liegt der Weg im Schatten, es ist ein schöner, angenehmer Weg im Steilhang. Viele Blumen und Vögel, ab und zu eine Echse. Ich will zur Fuorcla Surlej und muss durch die Skigebiete von Furtschellas und Corvatsch. Es ist kein Anblick, der mir gefällt. Dennoch. Die Weganlage ist optimal mit Aussicht zu den Engadiner Seen und über kleine Hochebenen mit kleinen Seen mit Wollgras. Es ist unbedingt ratsam den Weg am Fuss des Munt Arlas zu wählen, hier ist man alleine. Auf dem letzten Anstieg vor dem Pass begegne ich Wanderern, die kleine Hunde oder Kinder tragen, und Erwachsene mit ihren Kindern in veritablen Bergschuhen, gerüstet zum Übergang ins Val Roseg.

Die Aussicht auf die Bernina ist auf der Fuorcla Surlej stupende. Da ist Schweiz wie auf der Postkarte. Ein kleines Seelein, grosse Gesteinsplatten und die Bernina – oder heisst es doch eher der Bernina? – wie mit offenen Armen. Der Biancograt eine Linie, das Gletscherfeld geht über in abgehobelte Felsplatten, das Wasser weiss wie Milch und die mächtigen Moränen beiderseits bilden einen Rahmen. Rechts davon der Piz Scerscen mit seiner weissen Haube.

Es sind grad nochmals zwei gute Stunden bis zur Coazhütte. Zum Glück sind nicht viele Höhenmeter zu überwinden. Im Blick sind immer die beiden Gletscher Sella und Roseg und der Piz Roseg und der Piz Glüschaint auf der anderen Seite. Ich habe mir gewünscht, ich würde hier paar Gämsen sehen. Nur Murmeltiere warnen sich vor dem einsamen Wanderer, der sich den Gletschern nähert.


Tag 7 – Capanna Coaz (SAC) – Pontresina

Für den Abschluss der Umrundung wähle ich den blau-weissen Weg zum See hinab. Das erweist sich als Glücksfall. Mir kam es vor wie ein Abstieg aus dem Gebirge ans Mittelmeer. Die feuchte Morgenluft, die dichtere werden Vegetation und bei den ersten Büschen und Bäumen jubilierende Vögel. Beim Absteigen spielt die Sonneneinstrahlung nicht dieselbe Bedeutung: Ich mochte die zunehmende Wärme und die Düfte von Erde und Pflanzen. Der Gletschersee frühmorgens wie ein dunkler Spiegel färbt sich mit jeder Stunde zu einem grünlich-weissen See, in welchem ein Bad ein Genuss ist.

Von nun zieht sich der Weg in die Länge: Zuerst bis zum Berggasthaus Roseg. Hierher kommen alle Radler, Wanderer und Kutschenfahrer für Kuchen und Kaffee. Eine Einkehr ist zu empfehlen, weil es einfach köstlich ist, was geboten wird. Nach Pontresina führt der Wanderweg bald weg von der Fahrstrasse, meist im Lärchenwald. Dies ist auch bei viel Sonneneinstrahlung angenehm.


Anforderung Bernina-Trekking

Gute Kondition und Ausdauer, T2-T3. Tagesetappen bis 7 Std.
Wege sind markiert, nicht alle Abzweigungen sind leicht zu finden ohne Karte.
Die Wege sind gut angelegt und unterhalten, auch über die Grenze.

An- und Rückreise
Ab Zürich HB mit ÖV, etwa 4 Stunden

Haftung
BergFrau übernimmt keine Haftung für Wege und Wanderung. Sie ist Sache der Wandernden.


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