Biennale Arte 2017, Venedig

Biennale Venedig. Plakat

Es lebe die Kunst

13.05. – 26.11.2017
täglich 10-18 Uhr, ausser montags
www.labiennale.org
#BiennaleArte2017

Drei Tage sind knapp bemessen, ausser man hat schon vorher eine enge Auswahl getroffen, was man sehen möchte. Doch. Kann man eine Biennale zielgerichtet anschauen? Oder. Soll man offen sein, was da den Besucher erwartet? – Zwei Tage nach der Eröffnung bin ich an die Biennale nach Venedig gefahren für drei Tage, offen, was mich erwartet und mir geboten wird. Tatsächlich. Es ist wieder eine grosse und weitläufige Ausstellung.

Die 57. Internationale Kunstbiennale trägt den Titel Viva Arte Viva. Etwa 120 Künstler aus 51 Ländern zeigen an der Biennale sechs Monate ihre Werke und mehr als 80 nationale Pavillons präsentieren Beiträge ihrer Länder. Das ist eine gewisse Herausforderung: Soll ich mich, habe ich mich gefragt, auf die Länder oder die Künstler/innen konzentrieren, da ja auch die Länder-Pavillons von Künstlern gestaltet werden. Das ist praktisch nicht einfach. – Any way. Es hat Spass gemacht, war anstrengend, manchmal irritierend oder lustig. Ich möchte den Biennale-Besuch nicht missen und kann hier bloss Eindrücke vermitteln.

Türkischer Pavillon: Ein schriller Ton ohne Unterbruch und eine Zuschauertribüne eingezäunt und mit einem Malzenschloss verriegelt.

Biennale Venedig. Türkei


Schrilles, Grelles und viele Worte

Überhaupt. Der Besuchende ist an der diesjährigen Biennale häufig unerträglich schrillen Tönen und grellen Blitzbilder ausgesetzt. Ich frage mich, ob ich vertrieben werden soll, damit ich mich nicht mit diesen Präsentationen auseinandersetze. Ebenso unerträglich sind die Bleiwüsten der erklärenden Texte. Nicht nur haben sie eine Zeilenlänge von geschätzt 75 bis 90 Anschlägen und ohne Struktur und Lesehilfe. Sie sind zudem in einzelnen Fällen auch in einem dunklen Raum aufgehängt, wo der Text niemand ohne Taschenlampe lesen kann.

Eindrücklich Anregendes

Nun genug der Kritik! Sowohl in den Giardini (Gärten) wie in der früheren Schiffswerft Arsenale gibt es eine Menge, Witziges, Anregendes, Denkwürdiges und Unvergessliches.

Biennale Venedig. Österreich


Witziges

Der Däne Søren Engsted sitzt auf einem nicht sichtbaren Hochsitz, fliegend scheinbar, erzählt unterschiedlichste Aspekte des Fliegens von Mensch und Tier, bevor er zu einer Chicken-Party einlädt. Oder. Taus Makhacheva aus Dagestan bringt Werke aus dem Museum buchstäblich ans Licht. Sie lässt einen Seiltänzer die Bilder von einer Bergspitze auf die andere Seite ballancieren.

Biennale Venedig


Südafrika

Den stärksten Eindruck hat mir Südafrika geschenkt. Das Flüchtlingsdrama in einem Video heruntergebrochen auf sechs Menschen wie du und ich. Alec Baldwin und Julianne Moore, zwei bekannte US-Schauspieler/in, sprechen die Texte von sechs Flüchtlingen, drei Frauen und drei Männern. Sie erzählen über Gewalt, Tragik, Krieg, Verlust, Verfolgung und Flucht. Die Schauspieler reden – in einem spannenden Schnitt abwechslungsweise – kaum merklich, dass sie nur stellvertretend für die Flüchtlinge vor der Kamera stehen. Es sind berührende Geschichten, die unter die Haut gehen und das Flüchtlingsdrama als individuelle Tragödie zeigen. Hoffnung kommt alleweil auf.

Biennale Venedig


Tunesien

Eine freche «Grassroot-Action» ist die Ausgabe eines weltweit gültigen Ausweises «ohne Spuren» (the Absence of Paths). Mit der Aktion thematisieren die Autoren die weltweiten Flüchtlings- und Migrationsströme. Der Ausweis enthält einzig den Fingerabdruck und die Vermerke: Herkunft unbekannt, Ziel unbekannt, Status Migrant und den Stempel «nur Mensch». Der Ausweis fordert den Träger auf, selbst mit eigenen Aktionen zu protestieren oder mobilisieren.

Biennale Venedig. Tunesien


China

Ich bin enttäuscht. Mir fehlen die Visionen und Positionen eines Ai Weiwei’s oder der Konzeptkunst des Sammlers und Förderers Ueli Sigg. China gauckelt vor, als gäbe es ein Land, eine homogene Gesellschaft, ein Volk. Beeindruckt haben mich die handwerklich-perfekten und übergrossen Scherenschnitte und die Wachsfigur mit Beamerfunktion, bei der ich mich täuschen liess.

China hat in Arsenal Nord zusätzlich – als Parallelveranstaltung – in zwei megagrossen Hallen eine gigantische Video-Selbstdarstellung, mit Drohnen gefilmt … Man sollte dies auch ansehen und sich ein Bild machen.

Biennale Venedig. China


Russland

Dominant ist hier die beeindruckende Lichtshow im Raum mit archaisch anmutenden Platikfiguren. Ich weiss nicht, ob es sich um Götter, Krieger, Soldaten oder Ausserirdische handeln soll. Die Schwarz-Weiss-Lichtshow steigert sich zum Massenaufmarsch zu Flugzeug-Pirouetten, fliegenden Figuren und Untertassen oder sind es Drohnen? Die Bilder wirken gewaltig mit der Musik. Das ist Absicht, geht es doch um den Übergang oder die Zerstörung des Gegenwärtigen und zum Übergang zum Archaischen.

Biennale Venedig. Russland


Griechenland

Das Laboratorium des Dilemmas berichtet über ein wissenschaftliches Experiment zur Überwindung der Hepatitis. Das Experiment drohte aus dem Ruder zu laufen. Soll das Experiment weitergeführt werden mit dem Risiko einer Gefährdung der Umwelt oder ist es Angstmacherei von Kritikern?

Ausschnitte des unvollendeten Dokumentarfilms zeichnen heute Details des Experiments nach, die Hoffnungen des Professors, der es vorstellt und die Meinungsverschiedenheiten mit seinen Mitforschenden. Die Schauspielerin Charlotte Rampling spielt die kritische Forscherin. – Spannend fand ich die Argumente auf beiden Seiten und die ernsthafte und sachliche Diskussion über Risiko, Mut und Erfolg.


Schweiz

«Women of Venice» ist eine ruhige Erzählung mit einem doppelseitigen Video. Auf Vorderseite erzählt Flora Mayos Sohn, ein über Achtzigjähriger, die Geschichte seiner Mutter. Erst nach ihrem Tod hat er erfahren, dass sie in den 1920ern Alberto Giacomettis Geliebte war und komplett verarmt gestorben ist. Die Videoscreen-Rückseite zeigt Bilder über die junge Flora Mayo und ihr Schaffen. Die ruhigen Bilder und die bewegenden Wortes des Sohnes – auf der anderen Seite des Screens – bringen Licht in das Leben einer jungen Bildhauerin, der im Schatten Giacomettis nie den Durchbruch geschafft hat.

Der Titel «Women of Venice» und Ausstellung sind eine Hommage an Alberto Giacometti (1901-1966), der sich immer geweigert national vereinnahmt zu werden. Der Künstler lehnte eine Ausstellungseinladung der Schweiz stets ab. Dennoch präsentierte er 1956 schliesslich im französischen Pavillon die aus Gips gefertigte Figurengruppe «Femmes de Venise».


Biennale Venedig. Swatch Hauptsponsor

Swatch und Ian Davenport haben gemeinsam die Swatch Art Special WIDE ACRES OF TIME kreiert.


Deutschland

Ich bin nicht der einzige, der hier irritiert ist. Zwei Doggen bewachen, eingezäunt wie ein Raubtiergehege, den Pavillon.

Biennale Venedig. Deutschland

Der Haupteingang verleitet Besuchende in den Zwischenboden zu kriechen, doch dieser Eingang müsste geschlossen werden. Der Seiteneingang führt schliesslich in den Raum mit doppeltem, durchsichtigen Boden, was mich an schwarzgefrorenes Eis erinnert. Der Raum ist weitgehend leer. Im deutschen Pavillon zeigt die Frankfurter Künstlerin Imhof (39) die etwa fünf Stunden lange Performance «Faust». Wann? Im Internet findet man den Hinweis, dass jeweils um 12 Uhr performative Sequenzen aufgeführt werden sollen. Reicht das?

Deutschland hat die beiden wichtigsten Preise auf der diesjährigen Kunst-Biennale in Venedig gewonnen. Offensichtlich reicht das!

Biennale Venedig. Deutschland


Biennale. Praktische Informationen

Anreise      Mit Vaporetto bis Venedig Giardini und Venedig Arsenale
Wohnen     Ich hatte ein Airbnb in Lido, das war ein Glücksfall. Mehr auf Anfrage
Eintritt       48 h: € 30, Einzeleintritt € 25
web          labiennale.org

Übrigens!
Anreise Venedig. Die (be-)sinnliche Variante

von U.Werner Winterberger



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