Teppichkunst, Safran und ein Architekturwunder

Trekking und Wandern Marokko

Zurück nach Marrakech. Aus Südmarokko, über den verrückten Pass Tizi-n-Test
− Oder. Die Kunst des Reisens II

von U.Werner Winterberger


Wer schnell nach Marrakech zurück will, soll diese Route keinesfalls wählen. Sie ist zu schön, hat zu viele Kurven und du wirst ständig aufgehalten von Sehenswertem. Und sie ist erst noch grenzenlos interessant.

Die kleine Oase Fuom Zguid, boomt in den letzten Jahren. Hier werden die Touristen von den 4×4 auf Busse umgeladen, nachdem jeder den Kopf wieder einmal unter dem Wasserhahn gewaschen hat. Wer hierher kommt aus oder geht in die Wüste, sei es mit Jeep, Quad, Velo oder mit Dromedaren.

Geheimtipp Siroua (Jebel Sirwa)

Nur schon diese Etappe von der Wüste in die Berge von Siroua lohnt sich. Ich kann mich nicht sattsehen an dieser Landschaft. Von Tafelbergen in der Wüste fahren wir taleinwärts in ein breites Canyon. Wie an einer Perlenkette reihen sich die Oasen aneinander im Tal bis wir die Hochebene erreichen mitten im Hohen Atlas mit Weitblick in die 3000er des Siroua. Dieser Abschnitt des Hohen Atlas ist kaum bekannt.


Die kleine Stadt Taznakht ist Zentrum der regionalen Teppichkunst. In Genossenschaften organisiert, weben, knüpfen und sticken Frauen aus verschiedene Wollen Kunstwerke. Wer einen Teppich kaufen will, soll hier einkaufen: es ist preiswerter, die Wertschöpfung bleibt bei den Frauen und hier lernen wir die elementare Dinge dieses Kunsthandwerkes. Ich frage mich beim Zuschauen, ob diese Arbeit des Knüpfens nicht genauso ermüdend ist wie unsere Computerarbeit. Und tatsächlich hält es eine Frau nur bis zwei Stunden nacheinander aus am Webstuhl.

Taliouine. Safran, El-Glaoui und Argan

Eine halbe Stunde vor Taliouine kann man im September/Oktober Frauen beim Pflücken von Safranblüten beobachten. Sorgfältig zupfen sie die Krokusse, um sicher keinen Blütenfaden zu verlieren. Das Bio-Safranmuseum verkauft verschiedene Safranprodukte. Die Power-Point-Präsentation und die Erklärungen sind leider so dürftig wie die Vegetation einer Wüste.


Wer den Süden beherrschen will, der muss(te) auch das wasserreiche Soussatal kontrollieren, umso mehr Karawanen von Timbuktu über Taliouine bis nach Essaouira unterwegs waren. Ich finde es schade, dass die ursprünglich stattliche Kasbah El-Glaouis, ein Prachtsbau früher, dem Zerfall überlassen wird. Aus der Nähe lassen sich noch reiche Stuckarbeiten erkennen. Das Betreten der Kasbah ist nicht erlaubt und gefährlich.

Wir verpassen die Ernte der Arganfrüchte ebenso wie die Ziegen in den Arganbäumen. Die Ernte ist zwischen Juni und September. Die dem Olivenbaum ähnlichen Arganbäume siehst du gut auf der Fahrt von Taliouine westwärts. Das Soussatal, es ist eine wichtige Kornkammer und ein grosser Gemüse- und Obstgarten Marokkos. Hier fliesst genügend Wasser. Wir versuchen beim Stausee von Aoulouz einen Eindruck zu gewinnen. Doch zu eingeschlossen im kupierten Gelände liegt er und ist nur vom Campingplatz überhaupt sichtbar.


Tizi-n-Test mit Toubkal

Dieser Pass ist der schönste Übergang des Hohen Atlas überhaupt. Seine Lage und sein Zustand machen es aus, dass sehr wenige diesen Übergang befahren. Die Anfahrt von Süden beginnt verheissungsvoll. Die Strasse ist ausgebaut, breit und neu asphaltiert. Doch schon bald wird sie schmaler und die Kurven enger und zahlreicher. Die Aussicht ist bei schönem Wetter spektakulär. Unterwegs laden einfache Bars ein für eine kurze Ruhepause beim vertrauten Minzentee.


Der letzte Drittel bis zur Passhöhe sei nur geübten Passfahrern und Mitfahrern empfohlen. Wohl schützen meist Mauern vor der Tiefe. Doch die Enge und dies noch bei einem Kreuzmanöver erfordern starke Nerven. Der Belag wird hoffentlich in nächster Zeit ausgebessert. Wir hatten Glück. Wolkenlos und reine Luft nordseitig mit einer Weitsicht, gerne wäre ich gleich losmarschiert gegen Westen durch die Berge.

Tin Mal, Almohaden-Moschee, 12. Jh.

Die Nordseite zeigt eine dichtere Vegetation von Steineichen. Schon nach wenigen Serpentinen zeigt sich der Toubkal mit seiner Schneekuppe im Nordosten. Die Strasse führt uns immer tiefer in steiles Gelände, ja eine Schlucht. Und erst kurz vor dem Dorf Tin Mal mit der gleichnamigen Moschee wird das Tal offener. Es macht mir den Eindruck, als ob Ibn Toumart diese Rückendeckung im Süden gebraucht hätte, um sein Reich der Almohaden im Laufe einer Dekade im Schutz der Berge aufbauen zu können. Er war überzeugt, dass die herrschende Dynastie der Almoraviden dekadent geworden sei und deshalb vernichtet werden müsste. Er erklärte ihr den Heiligen Krieg.


In den 10 Jahren seines Lebens hier in den Bergen liess Ibn Toumart an der Moschee bauen, bevor er Marrakech dem Erdboden gleich machte. 3000 Gläubige hatten damals Platz in der streng geometrisch gebauten Moschee. Eine grosse Lust packt uns, dies im Bild festzuhalten. Sechs Tore führen in den Innenhof, wo die Gläubigen die Füsse waschen. Aussergewöhnlich. Die Moschee war auf drei Seiten offen. Heute fehlt das Dach, was dem Licht-Schattenspiel noch grösseren Reiz verleiht.

Tin Mal soll ins Weltkulturerbe aufgenommen werden als original erhaltener Vorläufer der bekannten almohadischen Moscheebauten. Ismael führt kompetent und mit bestem Französisch die Gäste durch die Moschee. Von Tin Mal ist es noch einen Katzensprung von 100 km über Asni nach Marrakech.



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