Nichts wie los in die Wüste Marokkos

Marokko. Geschichte Karavanen Wüste, Ait Benhaddou

Marrakech – Zagora, mit einem lohnenswerten Umweg − Oder. Die Kunst des Reisens

von U.Werner Winterberger

Ab in die Dünen, aber subito, das ist die Devise von Barbara und Marc. Die andern der Gruppe schütteln den Kopf; wieso so stressig!? Es geht auch gemütlicher!

Wer Lawrence of Arabia, James Bond 007 – Der Hauch des Todes oder Game of Thrones etc. gesehen hat, will diese intakte Lehmbausiedlung und Stadtfestigung Ait Benhaddou erleben und nicht durchbrettern. Hast du schon hier übernachtet und bist im ersten Morgenlicht vor dem Zmorgen zur Kasbah spaziert? Hin- und Rückreise habe ich so angelegt, dass ein abgerundetes Bild der Welt der Berber entsteht. Wir sind auf der Karavanenroute Timbuktu in Mali – Marrakech. Über Jahrhunderte wurden grosse Volumina im Handel mit Europa mit den Dromedaren überführt und entsprechend begründete dies den Reichtum der Berber-Hochkulturen. Es waren die Berber, die die kostbaren Güter von Timbuktu nach Marrakech und umgekehrt beförderten.


Heute reise ich mit einer Gruppe in die Dünen Marokkos für eine Woche Wandern mit Dromedaren. Die Wahl ist, bringen wir die rund 400 km Anreise in einem Tag hinter uns oder nehmen wir uns Zeit. Ich wählte überdies einen lohnenswerten Umweg und setzen dafür zwei Tage ein und kommen entspannt bei Brahim in Zagora zum Mittagessen an.

Wie man reich wird: Teloued, Ait Benhaddou & El-Glaoui 

Der Urenkel von Sklaven aus Mali, Ramòn, erzählt uns im stark verfallenen, aber immer noch faszinierenden Palast El-Glaouis dessen unrühmliche Geschichte. Der Arabisch-stämmige Pascha hat unendliche Macht und Reichtum angesammelt mit Sklaven- und Salzhandel. Dieser war fest in seinen Händen. Ein Kilo Salz wurde damals mit einem Kilo Gold aufgewogen. Hier in Teloued hat El-Glaoui in der ersten Hälfte des 20. Jh. Persönlichkeiten von Rang und Namen aus Politik und Kultur empfangen in kunstvoll gestalteten Räumen, verziert mit Stuck, Zedernholz und Marmor aus Italien.


Wir verlassen die Hochebene von Teloued Richtung Süden. In Serpentinen schlängelt sich die Strasse durch die Berberdörfer im Canyon des Ounila. Einen alten Speicher entdecken wir, der unerreichbar für Feinde in die Felsen gehauen wurde, um Korn und allen Reichtum der Familien zu schützen, wie wir heute Tresore benützen.

El-Glaoui hat Ait Benhaddou reich gemacht bevor Filmteams und Touristen in Strömen das Weltkulturerbe bestaunen. Abends und frühmorgens ist der Ort beschaulicher, den Sonnenaufgang auf dem obersten Punkt beim zerfallenen Speicher zu erleben, ist so eindrücklich wie das rasch verändernde Morgenlicht auf die Kasbah zu erleben. Barbara und Marc sind begeistert und fänden es jetzt schon schade, wir wären nur durchgefahren.

Mit dem Lederschlüpfer Palme besteigen

Die beiden ebenso strategisch wichtigen Kasbahs (Wohnburgen) El-Glaouis in Tamdaght und Taourirt in Ouarzazate lassen wir trotzdem links liegen. Wir überqueren den Anti-Atlas über den Pass Tizi-n-Tinififft und machen halt für einen Blick in die Tiefe der dunklen Schlucht aus Basalt. Bei Agdz erreichen wir den Fluss Draa. Gemächlich fliesst er heute durch die Ebene und nährt Palmenhaine um Palmenhaine, wo er früher ein reissender Fluss mit Krokodilen war.

Fast eine Stunde hinter Agdz gibt es erst einen Kaffee in der Nähe einer modernen Kasbah, am Palmenhain legen wir eine Pause ein. Peter und Eugen wollen eine Cola, die Andern geniessen einen Nus-nus, einen Café Macchiato. Ahmed warte auf Fremde. Die wenigen Münzen bessern sein Einkommen auf und er erklärt uns lebhaft die drei Ebenen der Palmenlandwirtschaft: Getreide und Gemüse, darüber Obstbäume und als Schattenspender in der dritten Ebene die Dattelpalmen. Die Datteln sind für mehr als zweidrittel des Einkommens der Bauern hier entscheidend. 39 verschiedene Sorten Dattelbäume kenne Ahmed, sagt er beim Besteigen einer Palme. Dabei trägt er doch nur Babusch, die typischen simplen Lederschlüpfer. Auch Quitten gedeihen zu unserem Erstaunen ebenso.


Die richtige Kleidung ist das Entscheidende

Eine Stunde später sind wir schon unter den Palmen bei Brahim, unserem «Wüstenfuchs». Er wird uns sieben Tage und acht Nächte begleiten von Zagora nach Fuom Zguid, das ist aber eine andere Geschichte. Im Moment ist nun das Wichtigste, dass wir unseren Hunger stillen und unsere Wasserflaschen auffüllen.

Anschliessend passen wir unsere Kleidung an. Das auffälligste Teil ist der Chèche (gesprochen: schesch), ein mindestens fünf Meter langes Baumwolltuch von etwa 70 cm Breite. Dieser wird auf praktische und kunstvolle Weise um den Kopf gewickelt. Der Chesh muss vor Sonne, Sand und Austrocknen schützen und kühlen dank der Verdunstungskälte. Übrigens, sagt Brahim: «Von nun an haben wir Zeit, die Uhr könnt ihr gleich ablegen.»

PS.
Inzwischen sind auch Barbara und Marc überzeugt von der BergFrau Art zu reisen.




«